DREI FARBEN - EINE TRILOGIE VON KRZYSZTOF KIESLOWSKI


, gesehen von Andreas Hirn



Blau --- Weiß --- Rot


Drei Farben: Blau (FRA/POL/SUI 1993)

D: Juliette Binoche, Benoit Regent
K: Slawomir Idziak
R: Krzysztof Kieslowski

Drei Filme, drei Festivals. Dazu die Ankündigungen, diese Streifen seien die letzten von Krzysztof Kieslowski. Da wußte noch niemand, daß die Trilogie um die Ideale der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit das Vermächtnis des polnischen Regisseurs werden sollten, da Kieslowski in Warschau im März 1996 an den Folgen eines Herzinfarkts verstarb.
Das Thema von "Blau" ist die Freiheit. Julie (Juliette Binoche) überlebt schwerverletzt den Autounfall, bei dem ihr Mann Patrice und ihre Tochter Anna umkamen. Das Leben hat für sie keinen Sinn mehr. Nach einem eher halbherzigen Versuch sich umzubringen, kehrt sie in ihr Haus zurück, verkauft alle ihre Sachen und zieht aus.
Sie möchte alle Brücken hinter sich abbrechen, ein neues Leben beginnen, alles vorher vergessen, frei sein. Daß sie sich selbst nicht verändert hat und die Anhänglichkeit von Olivier (Benoit Regent), einem Komponistenfreund ihres Mannes sind die Gründe, warum sie sich letztlich doch nicht lossagen kann von ihren Erinnerungen. Die persönliche Freiheit liegt auch immer im sozialen Umfeld, in den Kontakten, dem Austausch. Isolation führt nicht ins Leben. Und das geht immer weiter, um es in einer Binsenweisheit zusammenzufassen.
Die drei Filme sind auch in ihrer Machart sehr unterschiedlich. Dieser erste Teil erinnert sehr an die "Dekalog"-Zeit Kieslowskis. Die Erzählweise ist realistisch, ein wenig distanziert und kühl, doch kraftvoll und voll intelligenter Stärke. Die Spielerei mit den Farbsymbolen beschränkt sich auf eine Unruhe und Ruhephasen, in denen Julie allein in einem Schwimmbad ist und sich ihre Gedanken ordnen sollen. In den Phasen der Entscheidung wird die Leinwand schwarz, und das Thema der Europa-Hymne, dem letzten - unvollendeten - Werk ihres Mannes, erklingt. Das gipfelt am Ende in einem griechischen Chor aus dem neuen Testament, der die Liebe als das einzig Wichtige preist, was nach dem sehr ruhigen, beherrschten, nachdenklichen Film etwas kitschig übertrieben wirkt.
Im Gegensatz zu den beiden späteren Teilen konzentriert sich die Handlung hier fast völlig auf eine Person, hier Julie, die von Juliette Binoche sehr überzeugend verkörpert wird, ihr Verehrer Olivier rückt da fast ins Hintertreffen. Was aber dem zunächst beherrschenden Gefühl des unersetzlichen Verlustes angemessen ist.
Ein mächtiger, ein kluger Beginn einer beeindruckenden Trilogie, an dessen Ende mit einem kurzen Blick in den Gerichtssaal, wo die Scheidung von Karol Karol (Zbigniew Zamachowski) und seiner Frau Dominique (Julie Delpy) verhandelt wird, bereits die Brücke zu "Weiß" schlägt.


Drei Farben: Weiß (FRA/POL/SUI 1993)

D: Zbigniew Zamchowski, Julie Delpy, Janusz Gajos
K: Edward Klosinksi
R: Krzysztof Kieslowski

Im Mittelteil der Trilogie erweist sich Kieslowski als talentierter Komödienregisseur. Der schwazhumorige, ausgesprochen beschwingte Film ist sicher vor allem deshalb sehr leicht zu konsumieren, nicht so beherrscht und kühl wie "Blau".
Das Thema des Films stellt der "Held", der polnische Friseur Karol Karol (Zbigniew Zamachowski), gleich am Anfang klar: "Wo bleibt denn da die Gleichheit?" fragt er während der Verhandlung der Scheidung von seiner französischen Frau Dominique (Julie Delpy), die vorgibt ihn nicht mehr zu lieben, die gemeinsamen Konten sperrt, Karol aus Wohnung und Geschäft wirft und ihm gleich seine Habseligkeiten in einem Koffer zur Gerichtsverhandlung mitbringt. Karol ist ein netter Kerl, wenn auch etwas vom Pech verfolgt (Kieslowski schwebte für ihn eine chaplineske Rolle vor, was Zbigniew Zamachowski nach bestem Können umsetzt.), jedoch nicht auf den Kopf gefallen. Seine letzten Franc investiert er in einen Anruf bei Dominique, die ihn beim Liebsspiel mit ihrem neuen Lover teilhaben läßt.
Karol sitzt in der Metro und versucht sich als Kammbläser durchzuschlagen, als ihn der elegante melancholische Mikolaj (Janusz Gajos) anspricht und ihn mit nach Polen nehmen will. Karol soll dort jemanden umbringen. Nach dem letzten Telefonat willigt er ein, zwängt sich in seinen Koffer und verläßt Frankreich. In Warschau wird er samt Koffer geklaut und auf einer Müllhalde wegen des mißglückten Fanges von seinen "Entführern" verprügelt. Im Schnee auf einer Müllhalde liegend, ist Karol dennoch glücklich: "Endlich wieder zu Hause." Er geht zu seinem Bruder (Jerzy Stuhr), der ihn in seinem Friseurladen aufnimmt.
Mit seinem erworbenen Wissen von der Marktwirtschaft und einem belauschten Gespräch mausert sich Karol zu einem ehrlichen Geschäftsmann, er kann Mikolaj die Selbstmordgedanken austreiben und macht ihn zu seinem Partner. Da kommt er auf die Idee, doch ein wenig Rache an Dominique zu üben und zu sehen, ob sie ihn nicht vielleicht doch noch liebt - er inszeniert seinen Tod.
Die Rache ist zuerst schön, dann böse, aber das paßt alles zum Ton der ausgewogenen Tragikomödie, die überzeugend ein Bild vom grotesken Leben im Nachwendepolen zeigt, was einen auch an unsere ostdeutschen Verhältnisse erinnert. Der Grundtenor ist immer menschlich, die Protagonisten sind allesamt Antihelden, die jedoch ein kleines Glück in den eigenen Händen haben. In den Momenten des vollkommenen Glücks wird die Leinwand weiß.
Aber nicht nur wegen der hübschen Geschichte empfinde ich "Weiß" als den besten Teil der Trilogie. Vor allem die Darsteller bieten superbe Vorstellungen. Zbigniew Zamachowski und Jerzy Stuhr spielten bereits im abschließenden Teil der "Dekalog"-Reihe ein Brüderpaar und harmonieren glänzend. Ihnen gehört die Sympathie des Zuschauers. Janusz Gajos und Julie Delpy erfüllen mit ihrem charismatischen Auftreten die beiden anderen Hauptrollen mit Leben.
Ein intelligenter, warmer Film, der mit scharfem Blick und schwarzem Witz, auch Situationskomik, ein klares Bild vom im Auf- und Umbruch befindlichen Polen zeigt. Das Thema der Gleichheit, egal ob nun zwischen Männern und Frauen, ehrlichen Seelen und Ganoven, Postsozialisten und Marktwirtschaftler, tritt fast in den Hintergrund, Menschen spielen die Hauptrolle - und ihnen gehört die Sympathie.


Drei Farben: Rot (FRA/POL/SUI 1994)

D: Irene Jacob, Jean-Louis Trintignant
K: Piotr Sobocinski
R: Krzysztof Kieslowski

Nachdem der erste Film von einer Französin handelte und der zweite von einem Polen, so ist die Protagonistin, das Fotomodell Valentine (Irene Jacob), diesmal Schweizerin, um allen koproduzierenden Staaten gerecht zu werden. Die in allen Filmen enthaltene Todesproblematik hat sich mittlerweile abgeschwächt: Der Mann von Juliette starb in "Blau", Mikolaj hat sich das mit dem Selbstmord noch überlegt in "Weiß", während nun nur noch ein vom Leben angewiderter, desillusionierter Zyniker, ein pensionierter Richter (Jean-Louis Trintignant), mitspielt. Desweiteren ist nun scheinbar auch die Zeit zum Handeln gekommen.
Ganz allgemein ist "Rot" ein etwas seltsamer Abschluß der Trilogie. Zum einen ist da die Geschichte von der lebensbejahenden jungen Frau und dem alten Zyniker, die - nachdem sie ihn aus seinem Schneckenhaus geholt hat - irgendwo nicht ganz gelöst steckenbleibt, dann ein richtiges "Finale", daß reichlich unmotiviert wirkt (Bei einem Fährunglück werden sieben Menschen gerettet, darunter alle Protagonisten der "Drei Farben"-Filme.) und zum anderen die für Kieslwowski fast "hektisch und bunt" wirkende Kameraarbeit.
In seinen realistischen Filmen ist selten etwas bonbonbunt gewesen, die Ausstattung beschränkt sich meistens auf ein karges Minimum, in dem die Schauspieler und die Dialoge dominieren vor der äußeren Hülle. Genauso ist die Kamera meist fest und recht ruhig, in den Fahrten und Schnitten gemäßigt, während Piotr Sobocinski hier sehr viel mit Steadicam arbeitet, teilweise auch in Bewegungen gezoomt wird oder sogar einige "Gedankenflüge" in rasante Schwenks und Bilder gefügt werden (Besonders eindrucksvoll hier der Anfang, der Weg eines nicht angekommenen Telefonats, der vielleicht ein Vorbild in der Verfolgung des Weges der Rohrpost in der Pariser Unterwelt in einem Antoine-Doinel-Film von Truffaut.). So wirkt "Rot" doch recht jung-ungestüm.
Zudem sind die handelnden Personen in außergewöhnlicher gesellschaftlicher Position, gehören der doch exklusiveren Schicht an, ungewöhnlich für die Wahl des Autorenduos Piesiewicz/Kieslowski. Das Fotomodell Valentine (Irene Jacob) ist in einer Beziehungskrise mit ihrem Freund, hat gerade die Aufnahmen für eine Werbekampagne abgeschlossen, als sie einen Schäferhund anfährt. Sie bringt das Tier zu seinem Besitzer, einem alten zynischen Richter (Jean-Louis Trintignant), der seine Nachbarn ausspioniert und alles im Leben pessimistisch sieht. Im Verlauf des Films entspinnt sich zwischen beiden eine seltsame Freundschaft, bei der der Richter wieder etwas Freude empfinden lernt und Valentine ein wenig von ihrer Naivität verliert.
Mit Irene Jacob, die bereits in Kieslowskis "Die zwei Leben der Veronika" eine beeindruckende Vorstellung gab, und Jean-Louis Trintignant hat Krzysztof Kieslowski zwei ausgezeichnete Darsteller gefunden, die den Film mit Leichtigkeit tragen.
"Rot" ist nun der Film, der für immer als das "Vermächtnis" Kieslowskis gelten wird, da er am 13. März 1996 vestarb und die sein letztes Werk ist. Es ist ungewöhnlich emotional, deswegen auch in einem äußeren Sinn spannend, aber irgendwo nicht ganz rund, setzt der Trilogie zum Abschluß mit der Brüderlichkeit jedoch einen würdigen Abschnitt und besitzt durch den Pessimismus des Richters und dem Schmerz, den die "gute" Valentine dabei empfindet, eine leicht melancholische, nachdenkliche Atmosphäre.

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